Was ist Psychoakustik

Was ist Psychoakustik?

Musik wirkt sich auf unser emotionales Befinden aus. Dies ist weitreichend bekannt und auch in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten untersucht und bewiesen worden. (den vollständigen Artikel über das Thema „Wie berührt uns Musik?“  Es ist aber nicht nur Musik, die Reaktionen bei uns auslöst. Auch Geräusche und einzelne Töne haben einen Effekt auf das Wohlbefinden und unser Tun. Die grundlegende Frage hier ist: Warum nehmen wir Klänge so wahr wie wir es tun?

Dieser Frage stellt sich das wissenschaftliche Feld der Psychoakustik. Dieses Teilgebiet der Akustik versucht wissenschaftliche Erklärungen für unsere subjektiven Reaktionen auf Schallereignisse zu finden. Hierbei beleuchtet sie die Verarbeitung von physikalischen Schallsignalen hin zum finalen Höreindruck. Die Psychoakustik liegt somit zwischen den beiden wissenschaftlichen Feldern der Physik (messbarer Schall) und Psychologie (Wahrnehmung und Verarbeitung von Schall).

Grundlagen

Um zu verstehen, wie wir verschiedenste Schallereignisse wahrnehmen, sollte zuerst ein Blick auf den Aufbau unseres Gehörs, oder genauer, unser auditives System geworfen werden.
Der Schall trifft auf unser Ohr und wird von der Ohrmuschel durch den Gehörgang ans Trommelfell geleitet. Dieses wird durch den Schall in Schwingungen versetzt und überträgt diese auf die drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel. Die drei Gehörknöchelchen sind im Hörapparat als eine Art Druckwandler zu betrachten. Sie verstärken die Schwingungen des Trommelfells und geben diese weiter. Der Vorteil von ihnen ist, dass sie so sehr geringe Auslenkungen des Trommelfells verstärken können, aber auch durch eine Vordämpfung zu starke Auslenkungen abschwächen können. Zusammen mit der Fähigkeit des Trommelfells sich bei zu hoher Belastung etwas zu entspannen, um unempfindlicher gegenüber dem eintreffenden Schall zu sein, verfügt der Hörapparat über einen hilfreichen Eigenschutz vor einer Schädigung des Gehörs.
Die Schwingungen der Gehörknöchelchen gelangen nun über das sogenannte ovale Fenster in die Gehörschnecke, einem spiralartigen Gebilde des Innenohrs. Hier findet die Umwandlung von mechanischen Vibrationen zu elektrischen Impulsen mit Hilfe der Haarzellen statt. Diese befinden sich in der mit Flüssigkeit gefüllten Gehörschnecke und werden in Schwingung versetzt. Am Fußende einer jeden Haarzelle befinden sich ein Nervenknoten, der durch die Schwingungen der Haarzelle gereizt wird. Die so entstandenen Nervenimpulse werden dann im Gehirn verarbeitet.

Der wahrnehmbare Bereich des Gehörs liegt zwischen 16 Hz und 20.000 Hz. Mit zunehmendem Alter sinkt der obere Bereich ab, da die Haarzellen für die hohen Frequenzen sich direkt hinter dem ovalen Fenster befinden und somit am schnellsten geschädigt werden. Damit der Hörapparat arbeitet, sprich damit die Schwingungen vom Trommelfell bis ins Innenohr gelangen können muss eine gewisse Lautstärke, die sogenannte Hörschwelle, überschritten werden. Bei einer Frequenz von 4.000 Hz ist diese am niedrigsten und unser Gehör somit am empfindlichsten. Sie liegt hier bereits bei 4 dB. Je tiefer der Ton, desto höher muss der Schalldruck sein, um ihn wahrnehmen zu können (63 Hz: 35 dB). Bei hohen Tönen ist der Effekt nicht ganz so stark (18.000 Hz: 15 dB). Unsere Hörgrenze liegt zwar bei 20000 Hz, jedoch können wir Frequenzen bis 40.000 Hz körperlich wahrnehmen. Unsere Schmerzgrenze liegt bei 140 dB.

Die Lokalisation der Schallquelle erfolgt über binaurales (lat.: mit beiden Ohren) Hören. Dies kann der Mensch am besten in der horizontalen Ebene.
Es wird anhand von mehreren Faktoren lokalisiert. Zum einen gibt es die Lokalisation durch Laufzeitunterschiede. Dies bedeutet, dass wir erkennen können ob ein Schall links oder rechts von uns ist, je nach dem welches Ohr der Schall zuerst erreicht. Durch unsere Kopfgröße beträgt der größte von uns erkennbare Laufzeitunterschied 0,63 ms. Aufgrund dieser Tatsache können wi vor allem tiefe Frequenzen unter 300 Hz nicht gut lokalisieren. Deswegen ist es bei einer Heimkino-Anlage mit Subwoofer auch egal, wo dieser sich im Raum befindet, da wir diese tiefen Frequenzen nicht direkt lokalisieren können.

Eine weiterer Faktor der Lokalisation ist der Pegelunterschied. Das bedeutet, ist ein Klang lauter, ist er näher. Allerdings macht uns auch hier wieder unsere Kopfgröße einen Strich durch die Rechnung. Unterhalb von 400 Hz fällt es uns schwer, Pegeldifferenzen zu bestimmen. Warum wir es dann trotzdem können? Weil wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben wie gewisse Dinge von Nahem und von Weitem klingen.
Ein weiteres Problem sind Räume, wie z.B. Kirchen, da diese Räume sehr hallig sind. Laut dem sogenannten Haas-Effekt ist es uns hier nur möglich eine Schallquelle zu lokalisieren welche plötzlich auftritt (rufende Mutter, klatschen). Problematisch wird es, wenn das Geräusch schon existiert wenn wir in den Raum kommen. Letzteres beschreibt der Franssen-Effekt. Aufgrund des großen Anteils an Diffus-Schall (Reflexionen an Wänden, Böden etc.) können wir den genauen Ursprung der Schallquelle in Halligen Räumen nicht orten. Dieses kann nur durchbrochen werden, wenn sich das Geräusch sehr stark in der Frequenz oder in der Lautstärke ändert.

Doch warum ist unser Gehör gerade bei 4.000 Hz am empfindlichsten? Das liegt daran, dass unser Gehörgang von seiner „Bauweise“ her wie ein geschlossener Röhrenresonator funktioniert. Das heißt, dass er besonders den mittleren Frequenzbereich, genauer alles zwischen 1.000 und 4.000 Hz, besonders verstärkt. Dies hat einen einzigen Grund: Evolution. In diesem Bereich liegt der Großteil aller Naturgeräusche, sowie alle Geräusche, die für uns Gefahr bedeuten, wie das Brüllen von Tieren.
Dazu liegt die menschliche Stimme zwischen 100 und 4000 Hz, sowie zwischen 40 und 80 dB. Die Grundfrequenzen liegen bei ca. 100 Hz (Männer) bzw. ca. 450 Hz (Frauen und Kinder). Deswegen ist unser Gehör genau in dieser Frequenzregion am empfindlichsten.

Doch was hören wir eigentlich genau? Der Fachbereich Akustik unterscheidet hier zwischen Tönen, Klängen und Geräuschen.
Unter einem Ton versteht man eine periodische, also eine zeitlich konstante Schwingung mit einer bestimmten Frequenz. Kommen mehrere Töne zusammen und stehen diese harmonisch zu einer Grundfrequenz bildet sich ein Klang. Geräusche sind in der Regel ein Gebilde aus aperiodischen tonal undefinierbaren Schallereignissen. Ein Alltagsbeispiel für ein solches Geräusch wäre das Rauschen des Wasserhahns.

Töne, Klänge und Geräusche lassen sich physikalisch in ihrer Lautstärke und (bei Tönen und Geräuschen) in ihrer Frequenz messen. Doch wenn es um das Empfinden geht, gibt keine physikalischen Parameter.
Hier beginnt die Psychoakustik. Sie hat eigens definierte Parameter, um das Empfinden eines Schallereignisses messen zu können und objektiv darstellen zu können.
Es wird hierbei zwischen  Lautstärke (phon), Lautheit (sone), Tonheit (mel), Schärfe (acum), Rauigkeit (asper) und Schwankungsstärke (vacil) unterschieden. Im folgenden werden die einzelnen Parameter beleuchtet.

Lautstärke: Während Dezibel die Stärke des Schalldrucks oder Schallpegels angibt, gibt phon eine messbare Lautstärke an. Im Diagramm ist jedoch zu sehen, dass die Lautstärke auch von der jeweiligen Frequenz abhängig ist. Bei 1.000 Hz sind 40 dB zwar auch 4o phon, jedoch driften beide Werte unter oder über 1.000 Hz auseinander. Hier liegt der Nachteil der Phon-Skala: Verdoppelt sich der Schallpegel, verdoppelt sich der Lautstärkepegel nicht. Umgekehrt heißt bedeutet dies, dass sich die Lautstärke nominell nicht verdoppelt, wenn wir meinen, dass sie sich verdoppelt hat.

Diagramm Lautstärke (phon) 

Lautheit: Um die Probleme der Phon-Skala zu lösen gibt es die Sone-Skala. Mit ihr kann die subjektiv empfundene Lautstärke gemessen werden. Wie wichtig sie ist, zeigt sich im Diagramm. Erst einem Lautstärkepegel von 40 phon (also genau 40 dB) verlaufen beide Kurven parallel zueinander. 40 phon entsprechen also 1 sone. 2 sone sind aber nicht 80 phon, sondern 50. Oder anders herum: Eine Verdopplung des Phon-Wertes von 40 auf 80 entspricht einem 16-fachen Anstieg in der gefühlten Lautheit sone.

 Diagramm Lautheit (sone)

Tonheit: Mit mel wird die wahrgenommene Tonhöhe gemessen. Basis hierbei ist, wie in den anderen Parametern, die Frequenz von 1.000 Hz. Unter 500 Hz verlaufen die Kurven von Frequenz zu mel nahezu proportional zueinander. Eine Verdopplung von 100 auf 200 Hz entspricht einer Verdopplung von 100 auf 200 mel. Ab 500 Hz entfernen sich beide Kurven voneinander. So liegen 1.100 mel bei ca. 1.500 Hz, die Verdopplung auf 2.200 mel jedoch schon bei 10.000 Hz (siehe Diagramm).
Dies liegt daran, dass das Gehör Frequenzen auf unterschiedliche Art und Weise wahrnimmt. Frequenzen unterhalb von 800 Hz werden vor allem durch die vergangene Zeit ausgewertet, die der Schall braucht, um vom einen zum anderen Ohr zu gelangen. Hier folgt die Empfindung der Tonhöhe sehr genau der eigentlichen musikalischen Tonhöhe. Bei Frequenzen oberhalb von 1.600 Hz ist das Gehör nicht mehr in der Lage, die Zeitstruktur der Ohrsignale zu verfolgen. Die Tonhöhe wird nun durch die Erregung einer Membran im Innenohr abgeleitet, was wesentlich ungenauer ist.
So braucht es für die gefühlte Verdopplung der Tonhöhe von 1.100 auf 2.200 mel eine tatsächliche Erhöhung von mehr als zweieinhalb Oktaven, also mehr als das doppelte.
Unser gesamter Hörbereich umfasst dabei ca. 2.400 mel.

 

Diagramm Tonheit (mel)

Schärfe: Mit der Einheit acum (lat. Schärfe) misst man den Anteil von hohen Frequenzen eines Tons oder Geräuschs und somit seine Klangfarbe. Einfacher dargestellt misst acum wie stark ein Signal „zischt“.

Rauigkeit: Mit der Rauigkeit wird das Empfinden des Verhältnisses von mindestens zwei Tönen gemessen. Werden zwei Töne, welche in keinem harmonischen Zusammenhang stehen, gleichzeitig mit gleicher Lautstärke abgespielt, so entsteht durch die Phasenverschiebung ein rauer Unterton. Je weiter sich beide Töne voneinander entfernen, desto geringer wird dieser Effekt.
Eine Vorstufe der Rauigkeit ist die sogenannte Schwebung. Diese trittauf,  wenn die Differenz beider Töne unter 15 Hz liegt. Der Effekt wird als Pulsieren oder Wummern beschrieben, und zwar in exakt der Frequenz der Differenz (Beispiel: 405 und 415 Hz = ein Pulsieren mit 10 Hz). Zu diesem Phänomen jedoch später mehr.

Schwankungsstärke: Sie beschreibt die messbare subjektiv empfundene Schwankung in der Lautstärke, vor allem bei perkussiven Tonfolgen, wie es bei Schlagzeugen der Fall ist.

Psychoakustische Phänomene

Wie auch bei unserem Sehsinn ist der Hörsinn die Verknüpfung zwischen physikalischem Reiz und dessen Umwandlung in elektrische Reize, welche dann vom Gehirn interpretiert werden. Ähnlich den optischen Täuschungen, bei denen das gesehene vom Gehirn fehlinterpretiert wird, gibt es auch akustische bzw. psychoakustische Phänomene. 

Ein sehr bekanntes und alltägliches Beispiel sind dissonante Töne oder Dissonanzen. Dissonanzen sind Gebilde aus mindestens zwei Tönen, die harmonisch nicht zusammenpassen und daher unerträglich schief und schrill klingen. Dies erinnert uns aus evolutionärer Sicht an Schreie und steigert dementsprechend unsere Aufmerksamkeit. Es versetzt uns regelrecht in Alarmbereitschaft. Deswegen sind sämtliche Warntöne wie z.B. Sirenen und Hupen dissonant.
Aber auch in Filmen (vorzugsweise im Horror-Genre) werden Dissonanzen benutzt, eine angespannte Stimmung zu erzeugen. Das wohl bekannteste Beispiel hierfür wäre die Duschen-Szene aus dem Film „Psycho“, welche mit dissonanten Streichern unterlegt ist.

Wie im vorherigen Kapitel beim Parameter Rauigkeit angesprochen, gibt es ein Phänomen, welches auftritt, wenn man zwei unterschiedliche Töne, welche eine Differenz von weniger als 15 Hz haben, hört. Da man jeweils einen Ton auf einem Ohr hören muss, also mit beiden Ohren hören muss, spricht man hierbei von binauralen Beats. Hört man beispielsweise auf dem linken Ohr einen Ton mit 405 Hz und auf dem  rechten einen Ton mit 415 Hz, so entsteht „in der Mitte“ des Kopfes ein Pulsieren mit der Frequenz der Differenz (hier 10 Hz).
Dieses Pulsieren wird unter anderem zu Meditationszwecken genutzt, um beispielsweise Schlafstörungen entgegenzuwirken oder die Konzentration zu steigern.
Steigt die Differenz beider Töne über 15 Hz so fangen wir an, einen Ton zu hören, welcher mit der Frequenz des Mittelwertes beider Töne schwingt. Hören wir also links 405 Hz und rechts 445 Hz, so hört man „in der Mitte“ des Kopfes einen Ton mit 425 Hz, welcher eine hohe Rauigkeit besitzt.

Ein weiteres psychoakustisches Phänomen erlebt man, wenn man vor seiner Stereoanlage sitzt oder über Kopfhörer Musik hört. Wie kann es sein, dass in der Gesang im Song in der Mitte ist, obwohl die Kopfhörer links und rechts auf den Ohren sitzen? Oder warum ist die Gitarre nicht ganz links oder ganz rechts, sondern liegt zwischen linkem Ohr und linkem Auge?
Grund hierfür sind sogenannte Phantomschallquellen. Hierbei werden die Eigenarten unseres Hörapparates bei der Lokalisation genutzt um Instrumente im Stereofeld gezielt zu platzieren und so Aufnahmen eine gewisse räumliche Breite zu geben.
Trifft ein Klang nur auf das linke Ohr, so berechnet unser Gehirn anhand des Lautstärkenunterschiedes und des künstlichen Laufzeitunterschiedes, dass der Klang links liegen muss. Dies trifft auch zu, wenn er links lauter abgespielt wird als rechts. Dann liegt der Klang nicht direkt am Kopfhörer sondern weiter links im Stereofeld zwischen beiden Lautsprechern.
Wird eine Schallquelle jedoch auf beiden Lautsprechern gleich laut wiedergegeben, so gibt es keine Unterschiede in Laufzeit und Lautstärke. Der Klang kommt für unser Gehirn also von vorne.

Auf das nächste Phänomen hat mit unserer Lokalisation zu tun, nur diesmal nicht in der horizontalen Ebene sondern in der Median-Ebene. In dieser wird das oben, unten, vorne und hinten lokalisiert. Dies funktioniert aber nicht nur durch Lautstärken- und Laufzeitunterschiede. Unser Gehirn kann durch gewisse Frequenzbereiche fehlgeleitet werden. Diese Frequenzbänder sind als „Blauertsche Bänder“, benannt nach Prof. Jens Blauert, bekannt.
Wie in dem Diagramm zu sehen ist, werden bestimmte Frequenzbänder bestimmten Richtungen zugeordnet. So ist es z.B. zu erklären, dass Becken eines Schlagzeugs in einer Tonaufnahme gefühlt leicht oberhalb der anderen Instrumente liegen, da ihr Hauptfrequenzspektrum (um 8 kHz, also 8.000 Hz) mit der Richtungserkennung „oben“ übereinstimmt.

Blauertsche Bänder: bestimmte Frequenzen werden mit bestimmten Richtungen assoziiert

Das nächste psychoakustische Phänomen ist bekannt als „Zwickerscher Nachton“ oder Zwicker-Ton“. Es ist benannt nach Prof. Dr.-Ing. Eberhardt Zwicker, welcher auch die schon vorgestellte Sone-Skala entwickelt hat und als „Vater“ der modernen Psychoakustik gilt. Der „Zwicker-Ton“ äußert sich, wenn man beide Ohren mit einem breitbandigen (also ein über mehrere Frequenzbänder reichendes) Rauschen, bei dem jedoch ein kleiner Frequenzbereich ausgelassen wird, beschallt. Schaltet man nach einer Zeit das Rauschen ab, so hört man einen Sinuston in der jeweiligen Frequenz, welche vorher im Breitbandrauschen gefehlt hat. Es müssen jedoch beide Ohren beschallt werden, damit der Effekt auftritt. Somit ist auch der „Zwicker-Ton“ ein binaurales Phänomen.

Der „Zwickersche Nachton“ zeigt, dass das Gehör in der Lage ist, fehlende Informationen zu ersetzen, um ein Gesamtbild zu produzieren. Diese Eigenschaft zeigt sich auch im Phänomen des Residualtons. Damit wird das Phänomen beschreibt das Ergänzen eines fehlenden Grundtons anhand der vorhandenen Obertöne. Dadurch können wir zum Beispiel jemanden am Telefon anhand seiner Stimme erkennen, obwohl die Frequenzbänder durch die Übertragung stark eingeschränkt sind.
Das Phänomen des Residualtons findet darüber hinaus noch in anderen Bereichen Verwendung. Darum, und um andere Anwendungen der Psychoakustik, soll es im nächsten Kapitel gehen.

Anwendungsbereiche

Das erste Beispiel liegt eigentlich eher zwischen den Feldern Phänomene und Anwendungsbereiche, da es zwar ein Phänomen ist, es aber auch einen direkten Anwendungsbereich dafür gibt. Dies gilt zwar auch für den Residualton, nur passte dieser, zumindest in der Struktur dieses Textes, besser in das Kapitel der Phänomene.

Das erste Beispiel ist die sogenannte Maskierung.
Das Grundprinzip dieser erklärt Scot Hacker in seinem Buch „MP3 – The Definitive Guide“ mit folgendem Beispiel: Spielt eine Akustikgitarre ein Solo-Stück, so kann man auch kleinste Nuancen wie das rutschen der Finger über die Saiten hören. Spielt der Gitarrist das gleiche Stück allerdings mit einer Band zusammen, so kann man aufgrund der anderen Instrumente diese Feinheiten nur noch sehr schwer oder gar nicht mehr heraushören.
Mit diesem Beispiel im Kopf sehen wir uns nun folgenden Versuchsaufbau an: Es werden zwei Sinustöne gespielt. Der eine schwingt mit 1000 Hz, der andere mit 1100 Hz und ist 10 dB leiser als der erste. Spielt man beide gleichzeitig ab, so können wir den zweiten Ton nicht hören. Erst wenn seine Frequenz wesentlich höher oder tiefer ist wird er hörbar.

Das eben vorgestellte Phänomen nennt sich simultane Maskierung. 

Neben ihr gibt es noch eine weitere Art, die temporäre Maskierung. Dieses lässt sich damit erklären, dass das menschliche Gehör nicht in der Lage ist leise Töne nach einem oder mehren lauten Tönen wahrzunehmen. Das Ganze funktioniert jedoch auch andersherum. Spielt ein leiser Ton direkt vor einem sehr lauten, so nehmen wir den leisen Ton kaum wahr.

Diese beiden Phänomene nutzt man, neben anderen Berechnungen wie dem Residualton-Effekt, bei der Kodierung einer MP3-Datei. Weil man aufgrund all dieser Phänomene und Berechnungen viele Klangdaten löschen kann, da sie unser Gehör sowieso nicht wahrnimmt, schrumpft die Größe einer MP3 auf circa ein Zehntel der Größe einer CD-Aufnahme.

Ein weiterer Anwendungsbereich für die Maskierung findet sich in Büroräumen, genauer gesagt in Großraum-Büros. Hier herrscht aufgrund der vielen telefonierenden, tippenden und sich unterhaltenden Mitarbeitern eine recht hohe Lautstärke. Diese wird nach einiger Zeit sehr anstrengend. Die Geräuschkulisse war im Sommer jedoch weniger stark, als im Winter. Schnell wurde der Grund dafür gefunden: die Klimaanlage. Diese erzeugte, wenn in Betreib, ein hochfrequentes, nicht allzu lautes Surren. Dieses hochfrequente Geräusch maskierte einen Großteil der Umgebungsgeräusche. Das Ergebnis war erstaunlich: obwohl der Geräuschpegel durch das Surren der Klimaanlage lauter war, kam er den Mitarbeitern wesentlich leiser vor, als wenn die Klimaanlage abgeschaltet war. Heutzutage wird in Großraum-Büros über Lautsprecher ein leises, hochfrequentes Rauschen abgespielt, welches den gleichen Effekt hat.

Nun aber wieder zur Musik, respektive zur fachgerechten Abmischung dieser. Neben der Phantomschallquelle werden auch noch ander psychoakustischen Effekte in der Audio-Technik genutzt. Diese werden auf einschlägigen Musikseiten und Onlineshops sogar als „Psychoakustische Effektgeräte“ aufgeführt. Es handelt sich hierbei immer um sogenannte Exciter, sowie verschiedene Arten von Enhancern. Im folgenden werden die Arbeitsweise zweier verschiedener Enhancer, sowie eines Exciters exemplarisch vorgestellt.
Ein Enhancer erweitert im eigentlichen Wortsinne etwas. Es gibt Bass Enhancer, welche tiefe Frequenzen mit Hilfe des Residualton-Effekts zu erweitern. Dies führt dazu, dass auch auf kleinen Lautsprechern eine Kick-Drum, eine Explosion oder alles andere tieffrequente wuchtiger und voluminöser klingt.
Eine andere Form des Enhancers ist der Stereo Enhancer. Dieser mischt phasengedrehte, also gespiegelte Doppelungen auf der jeweiligen Gegenseite des Audiosignals hinzu. Dadurch wirkt das Stereofeld breiter und scheint über den physischen Bereich der Lautsprecher hinauszugehen.
Exciter, auch manchmal „Aural Exciter“ genannt, arbeiten ähnlich wie der Bass Enhancer, in dem sie künstliche Obertöne generieren. Anders als beim Bass Enhancer sind diese jedoch frei gewählt. Ein mit einem Exciter bearbeitetes Signal wirkt aufgrund des höheren Obertonanteils aufregender (daher der Name), brillanter und transparenter.

Da der Mensch durch wiederholtes Hören des selben Tons oder Klangs lernt, was dieser bedeutet (Beispiel: Martinshorn), ist Psychoakustik auch in der Geschäftswelt zu finden.
Genauer gesagt, ist der Corporate Sound eine der neuesten Komponenten der Corporate Identity, also der Firmenidentität. Neben Warn- und Signaltönen, die uns anzeigen das etwas reibungslos funktioniert (oder eben nicht), kann der Kunde durch Corporate Sound an eine Marke gewöhnt oder gebunden werden. Corporate Sound ist dabei ein großes Feld mit vielen Anwendungsmöglichkeiten. 


Das erste Beispiel für Corporate Sound sind Produktklänge. Diese kann man in zwei Kategorien unterteilen.
Zum einen werden „Hausklänge“ entwickelt, damit Geräte zu Hause leichter zuzuordnen sind. Dies kann zum Beispiel das Klingeln der Mikrowelle sein oder der Klingelton einer SMS oder eines Messengers. Hierbei muss allerdings darauf geachtet werden, dass der Korrekte Kontext des Klanges eingehalten wird. So kann ein klingelnder Wecker bedeuten, dass das Essen im Ofen fertig ist oder aber, dass man aufstehen muss. Dies muss beim Sounddesign berücksichtigt werden.
Zum anderen entwickeln Firmen sogenannte „Signature Sounds“, also Klänge die ein Alleinstellungsmerkmal haben und mit dem direkt die jeweilige Marke in Verbindung gebracht wird. Man denke zum Beispiel an den Sound als man das Betriebssystem Windows XP startete. Gerade im jetzigen Aufstieg der Elektromobilität suchen Hersteller wie BMW, Audi oder Mercedes nach dem perfekten Klang ihrer Elektroautos, welcher so einzigartig ist, dass man trotz fehlender Motorgeräusche sagen kann, um welches Auto es sich handelt. 

Im Bereich der Signature Sounds kommt ein weiterer riesiger Bereich auf: Werbung. Hierbei könnte man an das „düdüdü di-dü“ der Telekom denken. Aber auch Jingles, also kurze, in einem Song verpackte, Melodiefolgen gehören hierzu. Des Weiteren gibt es noch den „Brand-Song“, einen bereits existierenden Song eines Künstlers, welcher für eine gewisse Periode oder für ein bestimmtes Produkt genutzt wird.
Der Brand-Song ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Bekannte Musik hat einen hohen Wiedererkennungswert und kann so leichter mit der Marke verknüpft werden. Es kann allerdings auch durch zu häufiges vorheriges Hören oder durch persönliche Gründe (man mag den Song nicht, Lieblingssong des Ex-Partners) zum gegenteiligen Ergebnis führen.
Bei neuer, unbekannter Musik ist der Wiedererkennungswert nicht vorhanden, es kann jedoch Neugier geweckt werden. Sowohl in Bezug auf den Song, als auch auf die Marke oder das Produkt.

Aber auch im Laden, am „Point of Sale“, spielt Psychoakustik eine große Rolle. Hier kann durch Jingles beispielsweise auf Sonderaktionen und Angebote hingewiesen werden. Somit kann durch richtiges Sounddesign im Laden die Informationsdichte für den Kunden erhöht werden.
Auch die richtige musikalische Untermalung ist wichtig. Mit der passenden Hintergrundmusik und deren positiven Wirkung auf den Kunden, fühlt sich dieser sich im Laden wohl. Das gilt sowohl für Klangflächen, als auch für Chart- oder GEMA-freie Musik.
Zahlreiche Studien belegen, dass eine passende Beschallung zu einer längeren Verweildauer des Kunden im Laden führen und sie einige Produkte als wertiger erachten als andere. Eine Studie von Jun. Prof. Dr. Monika Imschloß der Universität Köln zeigt zum Beispiel, dass „weiche Musik“ in Textilhäusern dazu führt, dass Kunden die Artikel weicher und flauschiger wahrnehmen. Der Begriff „weiche Musik“ ist in der Studie leider nicht genauer beschrieben, man könnte jedoch mutmaßen, dass es sich um sanfte , gemütliche Balladen handelt.
Das wichtigste Kriterium ist hierbei die richtige Lautstärke. Diese muss so laut sein, dass die Musik unbewusst wahrgenommen wird. Ist sie zu leise oder zu laut, so verfliegt der Effekt. Dies merkt auch Imschloß in ihrer Studie und beruft sich hierbei auf eine Studie von Milliman aus dem Jahr 1982.
Ebenfalls ist es sehr wichtig, dass die ausgewählte Musik zum Gesamtkonzept passt. Eine Weinhandlung, in der HipHop läuft, wirkt auf Kunden eher verwirrend.
Stimmen jedoch alle Parameter, so kommen die Kunden öfter wieder, bleiben länger und steigern so den Umsatz.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Psychoakustik ein spannendes Thema ist, welches uns mehr beeinflusst, als wir es wahrnehmen. Musik, Klänge und Töne bestimmen unser Handeln. Deswegen ist die Psychoakustik in vielen Anwendungsbereichen, wie Film- und Sounddesign, aber auch im alltäglichen Ladenbesuch, sowie bei jeder Werbung die wir sehen, vertreten.

Wenn wir dann von einem langen, anstrengenden Tag nach Hause kommen und uns etwas zu  Essen aufwärmen, erinnert uns das sanfte „Pling“ der Mikrowelle an zwei Dinge: das Essen ist fertig und Psychoakustik ist überall.

 

Autor: Hendryk Barnert, B.A. Musikwissenschaft

Mark Sellmann

Mark Sellmann

Gesellschafter/Geschäftsführer

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